Dienstag, März 16, 2010

der Keller

Berlin-Pichelsberg, 15:00h. Leerstehende Geisterstadt nirgendwo im Irgendwo, 15:00h. Das Irgendwo nennt sich Berlin, das Nirgendwo Pichelsberg. Die Uhrzeit ist wahrhaftig und man mag es trotzdem nicht glauben. Wir sind wirklich in Berlin. Ich Keller-Kind aus Pichelsberg, wo nichts los ist. Pichelsberg ist scheintot, wie ein Käfer, der sich tot stellt, wenn ein Feind in der Nähe ist. Aber hier gibt es keinen Feind, nur den sich totstellenden Käfer, dessen Akt des Totstellens sich als Dauerzustand entpuppt. In diesem Teil der Hauptstadt wird der Bordstein um 18:00h hochgeklappt, nur der Pichelsberger Krug hat noch bis 22:00h offen, soweit ich richtig informiert bin.
Langer Einstieg, kurzer Sinn: Ich muss hier weg.Fast 5 Monate in Pichelsberg sind fast 4 dreiviertel Monate zu viel. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich mich an das Kellerambiente gewöhnt habe. Ich nenne es beinahe schon (versehentlich) mein 'zu Hause'. Jetzt musste mich ein ungebetener Gast, ein Überraschungsbesucher, ein unangemeldeter Zimmergenosse auf den Kellerboden der Tatsachen zurückholen. Aus meinem Darsein als KellerKind muss ein Darsein als Berliner Jung' werden. Schlicht und leicht und ein wenig ergreifend formuliert. Ist es nach dieser Zeitspanne wirklich genug?! War das, was im Folgenden geschildert wird mein "Wake-Up-Call"?
Ich wache also eines morgens auf, möchte meine Socken vom kleiderübersähten Boden wegräumen und muss erstaunt mitansehen, wie eine schwarze, kleine Kugel aus meinem zusammengewurschtelten Socken rauskullert und mich doch tatsächlich anstarrt. Eine Maus? Pardong, eine Spitzmaus... in meinem Keller? Das ist nicht ihr Ernst? Oh doch. Hallo Realität, willkommen in MEINEM Keller! Denn: was ist schon ein Keller ohne Maus? Das darauffolgende Drama möchte ich aus Gründen des Personenschutzes nicht weiter ausführen. Nachdem ich letzendlich von der Maus befreit wurde und mein Herz wieder in einem normalen Rythmus schlug, wurde mir wärmstens empfohlen, meine Koffer auszupacken um mich zu vergewissern, dass nicht noch weitere Mäuse mich persönlich kennenlernen wollen. Ich bin dieser Empfehlung nachgegangen. Koffer Nummer eins war ohne lebendigen Inhalt fertig entleert, genauso wie Nummer zwei und die Reisetasche. Als jetzt alle meine Klamotten vor mir auf mehreren relativ großen Bergen vor mir lagen, wurde mir (mehr oder weniger) plötzlich bewusst, dass diese Textilien alles sind, was ich momentan habe. Meine Kleidung, die zum größten Teil aus H&M und ZARA besteht ist alles, was ich habe?! Das ist mein 'Hab und Gut'. Keine Wohnung, kein Auto, nur T-Shirts, Jeans und Schuhe. Nicht mein Keller, nicht mein zu Hause. Das war nicht mein Moment und trotzdem ein wichtiger Moment für mich. Nicht das, was ich von dieser Geschichte erwarte, dieser, meiner Geschichte. Meine Geschichte, meine Welt? Dann fing mein Kopf an zu arbeiten; dieser Keller ist nicht meine Welt, er ist nicht Berlin, er ist nur Pichelsberg. In diesem Keller hat sich meine Welt verändert. Ich finde mich alleine in dieser Welt wieder. Und dabei vergesse ich manchmal, dass meine Welt nicht DIE Realität ist, nein, sie sollte nicht einmal meine Realität sein. Denn wir wissen, die Realität hat viel mehr zu bieten, als das, als diesen Keller. Hier gibt es keine Umwelt, kein Umfeld, es gab nur eine Spitzmaus, die mich aufgeweckt hat, die mich sogar wieder ein Stück in die Realität geschubst hat. Also habe ich meine Koffer und meine Taschen wieder eingepackt und sie zu gemacht, den Keller aufgeräumt und mich dazu entschlossen, dieses Kapitel baldmöglichst zu abzuschließen, damit wir fortfahren können in der Geschichte, damit diese Geschichte an Geschwindigkeit gewinnt und damit der Keller ein Keller bleibt und nicht zu einer Welt wird, denn dieser Keller ist nicht mein zu Hause...

Mittwoch ist der Tag meiner Operation. Endlich sehe ich ein Leben vor mir, indem ich durch die Nase atmen kann, ohne Dauerschnupfen, ohne tausend Taschentücher, ohne zehn Mal hintereinander niesen. Drei Tage Krankenhaus, eine Polypenentfernung, das 'Wegkrazten' von entzündetem Gewebe und die Begradigung meiner Nasenscheidewand liegen vor mir. Und natürlich eine Verbesserung meiner Lebensqualität. Und dann noch die Vollnarkose. All das passiert im Parksanatorium Dahlem. Was mich wirklich nicht in Euphorie ausbrechen lässt... Das ist kein Ort, wo man operiert wird! Das ist kein Krankenhaus! Verdammt, das ist ein Schloss in dem Sissi wohnen sollte. Im Parksanatorium spukt es sicherlich; sämtliche Alarmglocken hätten alleine schon bei diesem Namen angehen sollen. Aber ich war wahrscheinlich zu sehr in meiner Kellerwelt vertieft. Zusammengefasst: In der Nähe der Ortschaft Schmargendorf steht das Schloss-Sanatorium. Will damit wirklich sagen: Diese Operation steht unter dem Motto "From Pichelsberg to Schmargendorf". Was schlimmer ist, darf ich mir wohl aussuchen. Bleibt festzuhalten: Spätestens am Donnerstag werde ich mit Tampons in der Nase aufwachen. Hoffentlich nicht in dem Sanatoriums-Keller ....




Ich freue mich schon, von Neuen Abenteuern und Erkenntnissen berichten zu drüfen!
J.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen