Montag, Mai 17, 2010

der Geist

Der Wonnemonat Mai macht seinem Namen in diesem Jahr keine Ehre. Beim besten Willen nicht, wobei der beste Wille hier auch nicht zu erkennen ist. Es ist durchgehend trübes Wetter, eine graue Wolkendecke versperrt uns die Sicht auf den Himmel und die Sonne scheint nur in den Gedanken auf uns - wenn überhaupt. Denn meiner Meinung nach ist es an manch solchen "Grau-in-Grau"-Tagen ziemlich schwer, auf gut Wetter zu machen, damit die Gedanken nicht die Farbe des Wetters annehmen. Sowieso ist es sehr schwer, der Umwelt zu entkommen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nicht nur, dass es mit der Konzentration schwerfällt, nein, es kommt mir so vor, als wäre die Umwelt und die ganzen äußeren Umstände stärker als ich es bin. Momentaner Status: man schaukelt so vor sich hin. Und das ist nicht das, was man auf Dauer tun sollte.
Was also nun? Von der Schaukel abspringen? Oder doch eher an der Geschwindigkeit und der Beständigkeit arbeiten? Ich bin an und für sich für die zweite Option, doch, wie soll man das denn kontrollieren können, wenn es draußen windet? Den Wind kann man nicht kontrollieren, man kann lediglich versuchen gegen ihn anzuschaukeln. Erfolg ohne gewähr. Nicht, dass es das Einzige Problem bei der ganzen Sache wäre. Ich komme mir manchmal so vor, als wäre ich nicht alleine. Oh Gott! Sehe ich etwa tote Menschen? Oder gar tote Tiere? Nein, ich sehe weder noch, aber ich meine, dass ich von Geistern umgeben bin. Obwohl mir die Magie im Wetter fehlt, ist die Magie der Umwelt und der Geister allgegenwärtig.

Stimmen, die uns sagen was richtig und falsch sei; Lichter, die uns einen Weg weisen wollen; Geister, die überall um uns herum sind und uns beeinflussen. Ich definiere die Geister, die ich meine, nicht als Seelen von Verstorbenen oder irgendwelche halbdurchsichtigen Zombies, ich meine, dass diese Geister ganz real sind und sie in den verschiedensten Formen auf uns treffen. Sie werfen ihre Schatten in unseren Leben. Der Geist, der mich schon seit Wochen bis in meinen Träumen verfolgt nennt sich Angst. Er ist weder drichsichtig, noch gibt er komische "Buuhuu"-Geräusche von sich, er ist für mich zu 100% real und sein Schatten ist allgegenwärtig. Selbst wenn ich versuche weiterzuschaukeln hohlt er mich [trotzdem] ein.
Für mich ist die Liebe wie ein Geist. Ich weiß, dass viele Menschen an sie glauben, sie muss real sein, sie ist sichtbar in ihrer ganzen Vielfältigkeit. Aber nicht für mich. Ich tue mich schwer, sie zu sehen. Ich tue mich schwer, an sie zu glauben. Ich möchte in ihrem Schatten liegen und leben und lieben, aber ich spüre weder ihren Schatten noch sehe ich ihren Geist. Ist die Liebe vielleicht ein Flaschengeist - falls ja, wo liegt diese Wunderlampe und welche Reibetechnik muss man anwenden, um wenigstens einen Wunsch frei zu haben und eventuell erfüllt zu bekommen?
Irgendwann wollen wir alle von Geistern heimgesucht werden. Wenn Glück ein Geist sein sollte, dann warten wir doch alle nur darauf, dass er seinen Schatten auf uns wirft. Selbst wenn es eine Möglichkeit gibt, die Geister um uns herum zu knotrollieren, mit ihnen zusammen zu arbeiten, werden wir dann doch oft genug von den Geistern verfolgt, denen wir schon lange genug versuchen zu entkommen. Die Geister der Vergangenheit: die uns oftmals Tag für Tag die Fehler vorhalten, die wir einst machten. Egal wie sehr wir weitermachen, in manchen Momenten sind die Schatten der Vergangenheit zu dunkel, als dass wir sie ignorieren könnten. Ich kann mir nicht erklären, was die Geister damit bezwecken wollen, ob es einen tieferen Sinn dahinter gibt. Ich akzeptiere diese Momente, ich nehme sie oft als schmerzhaft wahr, ich atme sie ein, ich lebe sie und versuche dennoch sie zu vergessen. Der Geist der Zukunft ist der, der mich immer wieder aufs Neue antreibt und mir die Kraft gibt, es mit jedem Geist aufnehmen zu wollen. Und wenn wir nachts plötzlich wach werden und aus dem schläftigen Moment ein klarer Augenblick wird, merken wir, dass sogar die bösen Geister eine Funktion haben und der Geist, der in dieser Sekunde oder Minute vor uns steht, der uns sagt, dass es irgendwie weitergehen wird und dass es, wo es Schatten gibt auch Licht geben muss, dieser Geist lebt in und mit jedem von uns.

Oft sind es eben diese Stimmen in unseren Köpfen, die uns eine Entscheidung treffen lassen. Wir hören auf unsere innere Stimme in der Hoffnung, dass sie Recht behält. Wir schließen uns dem berühmt berüchtigten Bauchgefühl an und lassen es Oberhand ergreifen, wir akzeptieren die unsichtbaren Geister, die doch mehr als nur sichtbar zu sein scheinen. Dann sind wir vielleicht klar bei Sinnen, dann entscheiden wir...
Am Ende des Tages wird klar: meine Probleme sind die Geister, die ich rief.


jsg.

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